Agnes: Roman (German Edition) by Stamm Peter

Agnes: Roman (German Edition) by Stamm Peter

Author:Stamm, Peter [Stamm, Peter]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783104026015
Publisher: S.Fischer Verlage
Published: 2012-09-25T22:00:00+00:00


18

Zu Halloween, dem letzten Tag im Oktober, veranstaltet die Universität jedes Jahr einen Umzug. Agnes hatte mir oft davon erzählt, von den Kostümen, die sie in früheren Jahren getragen hatte, und von der wilden Party, die anschließend in der Aula stattfand. Schon vor Wochen hatte sie mit ihren Kolleginnen vom Streichquartett begonnen, Kostüme zu nähen. Sie wollten sich als Elfen verkleiden. Ich habe seit jeher eine Abneigung gegen Masken und Verkleidungen, und so war ich froh, als ich eine Einladung zur Halloween-Party der Amtrak, der amerikanischen Bahngesellschaft, erhielt und eine Entschuldigung hatte, nicht am Umzug teilzunehmen. Agnes war enttäuscht. »Ich bin auf die Hilfe von Amtrak angewiesen«, sagte ich, »und wenn sie mich einladen, kann ich nicht gut absagen.«

»Aber ich habe dich schon vor Monaten eingeladen«, sagte Agnes.

»Wir können ja sonst immer zusammensein«, sagte ich, »ich bleibe nur solange wie unbedingt nötig. Nachher komme ich zur Party in die Universität.«

»Da kannst du selber schauen, wie du mich findest. Mein Kostüm kriegst du vor dem Umzug jedenfalls nicht zu sehen.«

Agnes war mir noch immer böse, als sie am Abend von Halloween die Wohnung verließ. Das Kostüm hatte sie in eine Sporttasche gestopft. Ich sagte, sie solle sich darunter warm anziehen, die Nacht werde kalt. Aber sie antwortete nicht, auch nicht, als ich sagte, ich werde bestimmt vor Mitternacht in der Uni sein.

Die Halloween-Party bei Amtrak war nichts Besonderes. Aber als ich draußen den Umzug vorbeiziehen hörte, war ich froh, nicht dort unten in dem Trubel zu sein. Ich trat auf den Balkon und versuchte zu erraten, in welchem Kostüm Agnes steckte. Es gab unzählige Hexen und Skelette, Monster und Vogelscheuchen. Manche hatten sich mit Leuchtfarben bemalt oder gingen auf Stelzen.

»So stellen sie sich das Böse vor«, sagte eine Frau, die neben mich auf den Balkon getreten war. Sie sprach mit einem leichten französischen Akzent und sagte in spöttischem Ton: »Diese Geister kommen nicht aus der Unterwelt, die kommen aus dem Vorabendprogramm.«

»Sie sind nicht von hier?« fragte ich.

»Nein, bewahre«, sagte sie lachend, »schauen Sie nur, wie sie sich benehmen.«

Unten auf der Straße hatte eine Gruppe von Skeletten eine wilde Polonaise begonnen und schoß kreuz und quer durch die Zuschauer, die kreischend beiseite sprangen. Dann sah ich eine Gruppe von Frauen in Kostümen aus weißem Tüll und goldenen Bändern. Die Frauen trugen glitzernde Halbmasken. Obwohl sie im Durcheinander kaum zu sehen waren, bildete ich mir ein, eine von ihnen bewege sich wie Agnes, habe denselben etwas steifen Gang.

»Ich habe Masken schon als Kind nicht gemocht«, sagte ich und trat einen Schritt zurück.

»Schauen Sie die Bräute dort unten«, sagte die Frau, »Wollstrumpfhosen und weißer Tüll, der Traum eines jeden Bräutigams.«

»Ich glaube, es sind Elfen«, sagte ich.

»Das erkennt man wohl an den Wollunterhosen«, sagte die Frau. »Mir tun die amerikanischen Männer leid.«

»Nicht alle tragen wollene Unterwäsche«, sagte ich.

»Ah, habe ich etwas Falsches gesagt? Haben Sie eine kleine Freundin hier? Kommen Sie, wir gehen hinein. Es ist zu kalt hier draußen.«

Die Frau trat in den Saal zurück. Ich schaute den Elfen nach und war jetzt ganz sicher, daß Agnes unter ihnen war.



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